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Autohandel als Seismograph: Das Zulassungsplus täuscht über die Lage im Land hinweg

Der Verband des Kraftfahrzeuggewerbes Baden-Württemberg zieht eine Halbjahresbilanz des Automobilmarktes im Land. Die Neuzulassungen steigen, getragen von der staatlichen Kaufprämie. Zugleich brechen die Erträge ein, die Insolvenzen im Handel nehmen zu und der Wettbewerb aus China setzt die Hersteller zusätzlich unter Druck. Der Verband nimmt die neue Landesregierung mit ihrem Autoland-Bekenntnis beim Wort.

Stuttgart. Die Zulassungszahlen steigen, die Erträge sinken. Was nach Erholung aussieht, ist für den Verband des Kraftfahrzeuggewerbes Baden-Württemberg eine Scheinblüte, angeschub von der neuen staatlichen E-Auto-Kaufprämie. Bundesweit wurden im ersten Halbjahr knapp 1,5 Millionen Pkw neu zugelassen, ein Plus von 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Baden-Württemberg kam auf 204.160 neue Pkw und wuchs mit 4,5 Prozent etwas langsamer als der Bund. Wie stark die Prämie den Markt treibt, zeigt der Juni. Im ersten vollen Monat nach dem Start des Antragsportals wurden im Land ein Fünftel mehr Pkw neu zugelassen als im Vorjahresmonat, über alle Antriebsarten hinweg. Noch deutlicher ist die Entwicklung bei den Elektroautos selbst. Ihre Neuzulassungen stiegen um 86 Prozent, damit war zuletzt fast jeder dritte neue Pkw in Baden-Württemberg ein reines Elektroauto. Der Gebrauchtwagenmarkt im Land schrumpfte dagegen im gesamten den ersten Halbjahr um gut zwei Prozent. Bewegung kam fast nur von gebrauchten Elektroautos, deren Besitzumschreibungen von 14.441 im Vorjahreszeitraum auf 24.045 stiegen, ein Plus von zwei Dritteln. Die Betriebe im Land tragen diesen Hochlauf, sie verkaufen, warten und reparieren die neuen Antriebe, nur verdienen sie daran zu wenig. Das ist für den Verband die eigentliche Botschaft der Halbjahresbilanz, und sie ist zugleich ein Auftrag an die Politik.

Insolvenzen, Margendruck, neuer Wettbewerb

Die Lage in den Betrieben lässt sich an drei Befunden ablesen. 2025 sind nach der Analyse der Restrukturierungsberatung Falkensteg bundesweit 363 Autohändler in die Insolvenz gegangen, gut hundert mehr als im Jahr zuvor. Bei Händlern mit mehr als zehn Millionen Euro Umsatz hat sich die Zahl von elf auf 32 fast verdreifacht. Dazu kommt der Margendruck durch die Hersteller. Schon im ersten Quartal 2026 brach der operative Gewinn bei Porsche um mehr als ein Fünftel ein, Volkswagen verlor gut ein Viertel seines Nettogewinns, und diesen Druck reichen die Hersteller über Konditionen und Vertriebsvorgaben an ihre Handelspartner weiter. Wie tief die Einschnitte gehen, zeigt sich in diesen Tagen. Beim Volkswagen-Konzern ist von einem Abbau von bis zu 100.000 Stellen samt Werksschließungen die Rede, und welche Porsche-Baureihen die angekündigte Modellstraffung trifft, soll erst im Herbst feststehen. Auch sonst verschärft sich der Druck auf die Hersteller weiter. Chinesische Marken haben im ersten Halbjahr ihren Marktanteil ausgebaut, allein BYD hat seine Zulassungen mehr als vervierfacht und liegt inzwischen bei 1,8 Prozent Marktanteil.

Wenn der Seismograph ausschlägt

Verbandspräsident Michael Ziegler: „Wer nur auf die Zulassungszahlen schaut, könnte eine Erholung vermuten. In den Betrieben kommt sie aber nur begrenzt an. Der Absatz ist mit Steuergeld angeschoben, die Erträge sinken, und bei etlichen Fabrikaten schreibt ein erheblicher Teil der Händler rote Zahlen. Ein Auto kauft man aus Vertrauen in die eigene Zukunft. Dass der Markt nur mit staatlichem Anschub läuft, zeigt, wie sehr dieses Vertrauen vielen Menschen und Unternehmen im Land derzeit fehlt. Unsere Branche ist der Seismograph: Was sich in den Auftragsbüchern der Autohäuser zeigt, erreicht die übrige Wirtschaft mit Verzögerung.“

Wenn auch das zweite Standbein schwächer wird

Das Kfz-Gewerbe ist im Umbruch, der Strukturwandel läuft vom Neuwagengeschäft über den Gebrauchtwagenmarkt bis in die Werkstatt. Für die Autohäuser kommt erschwerend hinzu, dass ihr traditionelles zweites Standbein, das Service- und Werkstattgeschäft, die Schwäche im Verkauf immer weniger ausgleichen kann. Der Verband hat dafür bereits im Frühjahr den Begriff „Peak Service“ geprägt. Das Servicegeschäft hat seinen Höhepunkt erreicht, weil Wartungsintervalle länger werden und neue Antriebe weniger Wartung brauchen. Sinkende Roherträge im Verkauf und ein Servicevolumen, das je Fahrzeug zurückgeht, treffen auf Fixkosten, die bleiben. Diese Schere, nicht eine einzelne Konjunkturdelle, treibt die Strukturbereinigung im Handel.

Das Autoland-Bekenntnis muss sich im Regierungshandeln beweisen

Die neue Landesregierung hat sich in ihrem Sondierungspapier zu Baden-Württemberg als Autoland bekannt und angekündigt, „alles dafür zu tun, dass das Auto der Zukunft in Baden-Württemberg vom Band rollt“. Der Verband begrüßt dieses Bekenntnis ausdrücklich, erinnert aber daran, dass ein Autoland mehr ist als die Fabriken der Hersteller. Zum Auto der Zukunft gehören auch die Betriebe, die es verkaufen, warten und am Laufen halten.

Hauptgeschäftsführer Carsten Beuß: „Das ‚Autoland‘ beweist sich nicht im Sondierungspapier, sondern im Regierungshandeln. Und zum Autoland gehört nicht nur die Industrie, sondern genauso der Handel, der ihre Autos zu den Menschen bringt. Was der Handel jetzt braucht, sind keine Strukturhilfen, sondern verlässliche Standortpolitik: das angekündigte Effizienzgesetz zügig umsetzen und die Dokumentationspflichten wirklich auslaufen lassen, keine neuen kostentreibenden Auflagen für die Betriebe, und auf Bundes- und EU-Ebene fairer Wettbewerb, der für alle Anbieter dieselben Regeln setzt. Unsere Betriebe verlangen keine Sonderbehandlung. Sie verlangen Rahmenbedingungen, unter denen sich Anstrengung wieder lohnt. Evolution statt Verordnung, an diesem Maßstab werden wir auch die neue Landesregierung messen.“